Johann Warkentin's Geschichte der Russlanddeutschen Literatur aus persönlicher Sicht.

Herausgeber Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, erschienen 1999

Auszug:  ... Als ich vor 50 Jahren nach Deutschland kam, war ich fünfzehn Jahre alt“, schrieb Nelly Däs 1994 in ihrem Vorwort zu dem Buch „Lasst die Jugend sprechen“.

Eine beneidenswert frühe Heimkehr, doch davor galt es eine abenteuerliche, lebensgefährliche Flucht zu bestehen. Dass sich die Familie nach Kriegsende dem Stalinschen Zugriff entzog, dass das junge Mädchen von Anfang an den trauten schwäbischen Klang im Ohr hatte, sich also sprachlich überhaupt nicht umstellen oder anpassen musste, waren weitere hochwichtige Glücksumstände. Aber ihr wurde nichts geschenkt. „Von da an stand ich immer unter ‘Beweiszwang‘, in der Berufsschule, in der Lehre, ja, in meinem ganzen weiteren Leben.“

Nelly Däs hat sich bewiesen! Sie war nicht nur unsere Erste hier in Deutschland, sie ist bislang auch die mit Abstand Bekannteste geblieben. Ablesbar ist dieser hochverdienter Erfolg unter anderem an dem nach ihrem Roman „Das Mädchen von der Fähre“ gedrehten ZDF-Zweiteiler. Ersichtlich ist die Beliebtheit auch daraus, dass Frau Däs in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Male zu Lesungen in Schulen, Bibliotheken und anderen Einrichtungen gerufen wurde und wird. Und wie sie liest, deckt sich glücklich mit ihrer Art und Weise zu schreiben — unverkrampft, quicklebendig, farbenfroh. Wer aber meint, sie fabuliere einfach drauflos und die guten Einfälle kämen ihr ganz von alleine zugeflogen, der lese ihre „Ratschläge für angehende Prosaiker“, veröffentlicht in dem Werkstattheft EINMALEINS DES SCHREIBENS, 1996/3. Wie viel genaue Planung und welch beharrlicher Fleiß verbergen sich hinter dieser Leichtigkeit. Hier einige Zeilen aus den Ratschlägen: „Schreiben bedeutet harte Arbeit, und wer sich davor scheut, der lasse es lieber…. Schreiben bedeutet Einsamkeit, bedeutet Wahrheit, Ausdauer, Kränkungen hinnehmen. - Schreiben ist ein hartes Brot, aber dann schmeckt es auch süß.“

Einprägsame Gestalten gibt es in dem oben erwähnten Roman, in der Großerzählung „Mit Timofej durch die Taiga“ und anderen Erzählungen, doch am allerbesten gelingen der Autorin wohl die Vierbeiner. Und dies ist keineswegs abschätzig gemeint! Erstaunlich, wie viel lächelnde Menschenkenntnis sie in ihre Tiergeschichten hineinzupacken weiß, etwa in „Rex und der kleine Fuchs“ (s. Almanach WIR SELBST, 1996).

Die Erzählerin ist nie in Sibirien gewesen, und wir, die jetzt von dort kommen, sind nur allzu geneigt, uns an irgendwelchen Details in der Milieuschilderung festzubeißen. Schuld daran haben übrigens auch die recht eigenmächtigen Filmemacher. Das wäre ein Thema für sich... Aber halten wir das Wesentliche, das Entscheidende fest: Nelly Däs ist ein Leben lang der russlanddeutschen Thematik treu geblieben, und sie hat leidenschaftlicher und erfolgreicher als irgend wer für uns geworben.

Diesem moralischen und sozialen Auftrag wird auch der von ihr betreute Sammelband „Lasst die Jugend sprechen“ gerecht. Für einen Methusalem wie ich, der ja auch schon eine kleine Ewigkeit in Deutschland lebt, ist an diesen meist sehr freimütigen Erzählungen der Jugendlichen zweierlei ganz besonders spannend: Wie unsere Enkel, also jetzt schon die dritte Generation, die Vertreibung von 1941 und die langjährige Verteufelung in Sibirien und Kasachstan als Kleinkinder nacherlebt haben, und — für mich überraschend — was seit knapp zehn Jahren die hochgefeierte „Perestrojka“ an neuem Missgeschick und Leid heraufbeschwor.

Dass sowohl die Erinnerungen an drüben als auch insbesondere die hiesigen Erlebnisse und Bewertungen so unterschiedlich ausfallen, bezeugt ein hohes Maß an geistiger Unabhängigkeit. Zum Nach- und Mitdenken fordern einige Betrachtungen über Mischehen auf und auch darüber, warum wohl ein gutnachbarliches Nebeneinander verschiedener Nationalitäten, wie es mancherorts bestanden hatte, so katastrophal zerbrechen konnte. Unangemessen finde ich den Versuch einiger Beitragende, eindeutigem, ordinärem Alltagszoff ein hochpolitisches Mäntelchen umzuhängen. Da will eine junge Dame „durch die Hölle gegangen“ sein, weil sie sich bei der Scheidung nicht mit dem Liederjan einigen kann, wie die Klamotten aufzuteilen sind. Und noch einiges in dieser Richtung... Wie dem auch sei, der Grundtenor sämtlicher Lebensberichte klingt unüberhörbar durch — Deutschland ist unser seelisches Zuhause! Rechnen wir also dieses Buch jener Fundgrube zu, aus der künftige Autoren Motive und Inspirationen für die dichterische Gestaltung unseres Schicksaisweges schöpfen werden! ...