Nelly Däs ist ohne jeden Zweifel die erfolgreichste Schriftstellerin, die aus den Reihen der Deutschen aus Russland bisher hervorgegangen ist. Ergänzt hat sie diesen Erfolg durch ihr unermüdliches Engagement für ihre Landsleute innerhalb und außerhalb der Bundesrepublik Deutschland. Aktiv war sie dabei auch und gerade in der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, der sie seit 65 Jahre der Gründung angehört.

Für die Landsmannschaft war es daher eine angenehme Pflicht, mit der vorliegenden Schrift ihre große Erzählerin zu würdigen - wohl wissend, dass Texte Nelly Däs' beeindruckender Präsenz, die bei ihren zahlreichen Lesungen und öffentlichen Auftritten zu bewundern war, nur zum Teil gerecht werden können.

Mit älteren, neueren und aktuellen Beiträgen zum Leben und Werk der Schriftstellerin haben wir dennoch versucht, ein stimmiges Gesamtbild zu zeichnen. 

Die Redaktion

 

 

Wie habe ich das alles nur geschafft?

Das frage ich mich nun mit 84 Jahren. Als ich 1945 nach Deutschland kam, dachte ich, alle müssten wissen, dass es in Russland deutsche Dörfer, deutsche Bauern, deutsche Menschen gab. Ich war enttäuscht, dass es so gut wie keinen gab, der darüber Bescheid wusste. Ich nahm mir als 17jähriges Mädchen vor, darüber ein Buch zu schreiben. Ich wollte den Einheimischen erzählen, wer wir Russlanddeutsche waren und warum wir nach Deutschland gekommen sind. Es war ein langer Weg, bis ich mein erstes Buch: „Wölfe und Sonnenblumen“ geschrieben hatte.

Inzwischen war ich 39 Jahre alt geworden. Ich musste sehr viel lernen, um ein Buch schreiben zu können. Lesen war nun angesagt, das tat ich bei jeder Gelegenheit. Es heißt nicht umsonst: „Ohne Fleiß, kein Preis“. Am besten kann man die Sprache in Jugendbücher richtig erlernen. Ich habe mir sehr viele Jugendbücher gekauft, natürlich konnte ich gut deutsch, aber eben das „Russlanddeutsch“, und mit dem konnte ich kein Buch schreiben. Als die Landsmannschaft 1950 gegründet wurde, war meine Mutter eine der ersten, die Mitglied in der Landsmannschaft wurde und mit ihr als Familienmitglied auch ich. Es war für uns damals auch nicht leicht. 

 Ich war immer sehr froh, wenn ich bei einer Tagung war und etwas dazu lernen konnte. Mir war einfach wichtig, das Versäumte nachzuholen. Für uns gab es damals keine Sprachkurse, keine Eingliederungen, keine Sozialhilfe, das waren damals alles Fremdwörter. Für unsere ältere Menschen gab es keine Rente. Jeder musste sehen, wie er zurechtkam. Natürlich bin ich froh, dass es heute große Hilfen von der deutschen Regierung gibt, dafür hatte die Landsmannschaft jahrelang gekämpft.

Ich weiß, die Zeit geht weiter. Es gibt heute mehr Angebote, um die Freizeit zu gestalten - da bleibt das Lesen oft auf der Strecke. Wie wichtig das jedoch ist, merkt die Jugend erst, wenn es zu spät ist. Ich will kein Moralapostel sein, doch aus Erfahrung wurde auch ich klug. Heute sage ich mir: Hätte ich mich damals mehr um der Geschichte unserer Ahnen bemüht - als es die Zeitzeugen noch gab - mir mehr Zeit genommen für die Erzählungen der Großeltern, dann wäre manches nicht verloren gegangen.

Johannes Rau, unser ehemaliger Bundespräsident, sagte:

"Wenn wir unsere Geschichte nicht aufarbeiten, haben wir keine Chance auf die Zukunft“.