Sibirien 1962. Nadja, 17jährige Tochter des Fährmannes Dimitrij, sitzt träumend am Fluss Oljokma und sehnt sich hinaus in die Welt ... Nadja - in Wahrheit, wie sich später herausstellt, Tochter einer Ukrainerin und eines deutschen Soldaten - steht ein harter und leidvoller Lebensweg bevor, bis sie, zusammen mit ihrem Mann, dem Russlanddeutschen Eduard, nach Deutschland ausreisen kann.

Dieses Buch zeigt Nelly Däs als großartige Erzählerin, die offen und mutig beschreibt, wie Menschen in einer Zeit leben mussten, in der Gorbatschow unhaltbare Positionen im Zeichen von Glastnost und Perestroijka revidierte.

Die österreichische Filmemacherin Karin Brandauer begann diesen Stoff 1995 für das ZDF zu verfilmen, starb aber überraschend während der Dreharbeiten. Ausgestrahlt wurde der Zweiteiler "Nadja - Heimkehr in die Fremde" am 16./18. 9. 1996 im ZDF. Hauptdarstellerin war Ingrid Friedrich, weitere Hauptrollen hatten Dietmar Bär, Ulrich Mühe, Udo Schenk, Rolf Hoppe.

Das Buch wurde in Dänisch übersetzt.

Regisseur Thorsten Näter über seinen Film

Im Roman „Der seekranke Walfisch“ begeben sich Ephraim Kishon und seine Ehefrau auf eine Weltreise und betonen, dass sie sich bewusst nicht über die Länder, die sie bereisen wollen, informiert haben, um  »ganz vorurteilsfrei« an Land und Leute heranzugehen. An diese Haltung musste ich während der Vorbereitung zur Verfilmung von „Das Mädchen vom Fährhaus“ oft denken.

Wenn man Filme über Minderheiten macht, ist das immer auch zugleich eine Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen. Die waren bei mir breit gestreut. Wie viele, hatte ich Schwierigkeiten mit der Einschränkung des Asylrechts für politisch Verfolgte. War aber zugleich der weitverbreiteten Meinung, dass, wenn man schon Einschränkungen machen müsse, man doch bei dem pauschalen Recht der Deutschstämmigen aus den östlichen Ländern anfangen solle. Als ich den Auftrag erhielt, diesen Film zu machen, wurde mir schlagartig klar, dass ich nicht die Spur einer Ahnung von der Situation der Russlanddeutschen hatte.

Für mich waren das Leute, die ihr vermeintliches Deutschsein benutzen, um der misslichen wirtschaftlichen Lage in ihrem Heimatland zu entgehen. Dazu gehört ein weiteres Vorurteil, nämlich dass Sibirien, wo die Geschichte spielt, etwas Karges, Unwirtliches ist. Ein Ort, an den man verbannt wird.

Die Strafe für soviel Ignoranz folgte auf dem Fuß. Ich traf in Omsk bei 40 Grad plus ein, völlig falsch gekleidet und völlig unvorbereitet darauf, durch eine der wundervollsten Landschaften der Welt gefahren und geführt zu werden. Aber da gab es noch eine ganz andere Wärme, die für mich überraschend war: die unvorstellbare Wärme, die von den Menschen ausging, die ich dort traf.

Innerhalb von kürzester Zeit stellte sich die Frage für mich völlig anders: Wie schafft man es, diese Umgebung, diese Nähe und diese Weite zu verlassen zugunsten einer Enge, in der man nicht wirklich willkommen ist und von der man nicht wirklich etwas weiß? In einem kleinen Dorf in der Nähe der Region, in der unsere Geschichte spielt, traf ich auf einen alten Mann, einen Russlanddeutschen. Der erzählte mir, dass er und seine Familie eine Woche später ausreisen würden. Als ich ihn fragte, wie er den Abschied verkrafte, brach er in Tränen aus und sagte: „Was die uns angetan haben, das kann man nicht vergessen, bloß weg, bloß weg!“

Das war so einer von denen, die man in Deutschland belächelt, wie sie nur noch ein paar Reste von einem Dialekt sprechen, den sie selbst für Deutsch halten. Einer von denen, die auf uns so russisch wirken, dass die Behauptung, diese Menschen seien Deutsche, uns nur als Schutzbehauptung erscheinen kann.

In der Folgezeit stieß ich immer wieder auf solche Menschen, Männer und Frauen, die groß geworden waren in dem Gedanken, Fremde im eigenen Land zu sein. Deren Vorfahren man vor Jahrhunderten zur Besiedelung ins Land geholt hatte, um dann ihre Nachkommen immer wieder zu benachteiligen und vor den „Segnungen des Sozialismus“ auszuschließen. Die man im Zweiten Weltkrieg mit den das Land überrollenden Nazis in einen Topf geworfen und in der Folge deportiert und verfolgt hatte. Deren Kinder man den Großteil der Studienmöglichkeiten genommen und die man in ihrer Freizügigkeit behindert hatte.

Ich traf immer wieder auf das positive Vorurteil der Russen, dass „die Deutschen fleißiger, ordentlicher, verlässlicher seien" als die eigenen Leute. Ein Vorurteil, das zur Folge hatte, dass man „die Deutschen“ gerne in bestimmten Positionen sah, dass sich aber auch immer am Rande Ressentiments bewegte, in das es leicht umschlagen konnte.

Spätestens als ich zu einem Volksmusiktreffen eingeladen wurde, bei dem Musikgruppen aus ganz Sibirien zusammentrafen, wurde mir klar, dass das „Deutschtum“, das hier gepflegt wurde, nichts zu tun hat mit der Volkstümelei unseres „Musikantenstadels“ oder ähnlicher Unsäglichkeiten. Was hier unternommen wurde, war der Versuch, nach Jahrzehnten des Verbots, die eigene Geschichte zu begreifen, die eigenen Wurzeln. Diese Menschen sangen von etwas, das sie verloren hatten und wiederfinden wollten.

In der Folge lernte ich, dass das Deutschtum der Russlanddeutschen keineswegs etwas war, daß sie sich bewahrt hatten; um sich abzugrenzen, sondern daß es – ähnlich wie bei vielen anderen Volksgruppen, die Stalin durch gezielte Umsiedlungspolitik aufgesplittert hatte, ein mühsamer Prozeß der Wiederentdeckung war. Die Arbeit von Chronisten, sehr oft Lehrer, war, die Geschichte und Geschichten der Familien wiederzuentdecken, die Bräuche der Vergangenheit aufzuschreiben und zu versuchen, die verstreuten Gruppen wieder zu gemeinsamen Aktivitäten zu veranlassen. Diese Gemeinsamkeit aufzugeben bedeutet für alle, die weggehen, einen weiteren schmerzlichen Abschied.

Am Ende ist es mir selbst schwergefallen, von diesem Land und seinen liebeswerten Menschen Abschied zu nehmen. Geblieben ist das Bedürfnis, neben allen wirtschaftlichen und politischen Zwängen, denen die Aussiedler gehorchen, auch immer von diesem Abschiedsschmerz zu erzählen, den man würdigen muss, um ihnen gerecht zu werden.

Aber das waren nicht die einzigen Vorurteile, mit denen wir uns auseinanderzusetzen hatten. Der Film wurde nicht nur in Estland produziert, der größte Teil des Stabs und der Besetzung waren estnisch. Die Esten, gerade von der Bevormundung durch die Russen befreit, hatten eine starke Affinität zu unserem Thema, denn sie fühlten sich dem Schicksal der Russlanddeutschen durch viele Gemeinsamkeiten aus der Stalin-Ära verbunden. Es war schwer, ihnen klarzumachen, dass es nicht unsere Absicht war, die Russen global zu diskreditieren, auch wenn der Film, erzählt aus der Sicht der Russlanddeutschen, zwangsläufig kein allzu positives Bild der Russen zeichnen würde.

Eine eher komische Variante dieser ständigen Diskussion erlebten wir in der Zusammenarbeit mit einem estnischen Szenenbildner, der sich als regelrechter Russenhasser herausstellte. In seinen Augen waren die Russen schmutzig, arbeitsscheu, verlogen und unfähig zu jeder sinnvollen Tätigkeit. Ich hörte mir die beständigen Angriffe gegen alles, was russisch war, eine ganze Weile an. Bis ich meinem Herstellungsleiter sagte, dass wir uns von dem jungen Mann wohl trennen müssten, denn es sei kaum möglich, auf diese Art ein glaubhaftes Bild der Russen zu zeichnen. Gleichzeitig nahmen wir uns vor, das sehr diplomatisch zu tun, denn wir konnten ja nicht wissen, was der Mann in der Vergangenheit von den Russen zu erleiden hatte. Die Situation klärte sich dann aber ganz anders als erwartet. Bevor wir bei der nächsten Sitzung, dieses Thema zur Sprache bringen konnten, wurden ein paar Fragen zur Gestaltung unseres russischen Dorfes gestellt, und die estnische Produktionsleiterin empfahl uns, den estnischen Szenenbildner zu fragen. Der kenne sich da am besten aus. Wir wollten gerade protestieren und ihr sagen, dass wir mit dessen Russenbild nicht besonders einverstanden seinen, als sie fortfuhr und uns erklärte, der junge Mann sei nämlich mit einer Russin verheiratet und dadurch ständig in Kontakt mit Russen, denn seine Frau habe eine sehr große Familie. Tja: Soviel zum Thema Vorurteile.