Wölfe und Sonnenblumen, der 1. Teil der beiden biographischen Romane beginnt im November 1937. Seit mehr als 2 Jahren sind die Schmidts, eine deutsche Familie, die seit Generationen im russischen Schwarzmeer - Gebiet ansässig ist, schon auf der Flucht. Wie andere freie Bauern wollte man den Vater zwingen, der Kolchose beizutreten. Eines Nachts wird er von Milizsoldaten verhaftet, zu 30 Jahren Zwangsarbeit verurteilt und nach Sibirien verschleppt. Harry, Johann und  Nelly ahnen nicht, dass sie ihren Vater nie wiedersehen werden. Nach Monaten voller Angst und Ungewißtheit, voller Strapazen und Entbehrungen gelingt es der Mutter, sich mit den Kindern zu Verwandten durchzuschlagen.

Der Zug in die Freiheit, der 2. Teil dieser Lebensgeschichte, erzählt von Nelly, die immer noch auf der Flucht ist und eine kurze Zeit der Ruhe in Wronke/Polen erlebt. Von der Familie getrennt, muss sie sich zusammen mit anderen Mädchen aus dem Landjahrlager vor der heranrückenden russischen Armee in Sicherheit bringen.

Beide Bücher erschienen bei verschiedenen Verlagen und mehreren Auflagen. Ein Sonderband vereint beide Teile und ist in wenigen Exemplaren noch bei der Autorin erhältlich.

Leseprobe aus "Wölfe und Sonnenblumen": 

... Am 7. November 1937 wurde in der Nacht an unser Fenster geklopft. Der Vater antwortete. „Aufmachen! Hier ist die Miliz!“ Der Vater öffnete die Tür. Drei Männer in Uniform standen davor. „Sind Sie der Johann Schmidt Iwanowitsch?“ „Nein, ich heiße Johann Schmidt Gustavowitsch. Der andere ist Lehrer in Fjodrofka.“ „So? Wir prüfen das nach.“  Sie gingen wieder. „Das gilt mir“, sagte der Vater. „Der mich angezeigt hat, wusste wohl nur meinen Vatersnamen nicht. Sie kommen bestimmt zurück. Den Lehrer haben sie ja schon vor drei Monaten geholt. Wenn sie wiederkommen, dann weck die Kinder!“ Da klopfte es wieder. Der Vater war schon halb angezogen und ging zur Tür. „Sie waren doch gemeint“, sagte einer der Milizsoldaten. „Machen Sie sich fertig. Sie müssen zur Vernehmung mit in den Nachbarort kommen. Am Morgen sind Sie wieder daheim.“ Sie traten ein und fingen an, das Haus zu durchsuchen. Die Mutter wollte uns Kinder wecken, doch der Führer der drei ließ es nicht zu. Da nahm Mutter Harrys Hose und warf sie mir auf das Gesicht. Sofort war ich wach, und sobald ich die Männer sah, wusste ich, was vor sich ging. Schnell sprang ich aus dem Bett und wollte zu den Brüdern laufen, die zusammen in einem Bett schliefen. Aber der eine der Männer wurde sehr böse, packte mich am Arm und schrie: „Mach, dass du ins Bett kommst, du Kröte! Lass die Jungen schlafen! Wozu denn die ganze Aufregung? Wenn dein Vater unschuldig ist, kommt er ja morgen wieder heim!“

„Hände weg von meinem Kind!“ schrie der Vater den Mann an. „Reicht es nicht aus, dass ihr mich mitnehmt? Müsst ihr euch auch noch an kleinen Kindern vergreifen?“ Harry und Johann wurden selbstverständlich von diesem Lärm wach, und es war ihnen gleich klar, was die fremden Männer mit dem Vater vorhatten. Wir hatten ja längst damit gerechnet, dass es einmal dazu käme.

Die Milizsoldaten durchsuchten das Haus sehr gründlich, aber sie fanden nichts außer dem Trauschein meiner Eltern. Der erregte ihr Mißtrauen. Er war in deutscher Sprache geschrieben, und sie fanden, dahinter könne sich mancherlei verbergen. Vater erklärte ihnen geduldig, was für ein Papier sie da gefunden hatten, doch sie meinten, das könne jeder sagen, wahrscheinlich sei es faschistisches Material, und das Papier sei jedenfalls erst einmal beschlagnahmt, man werde dann schon weitersehen. Auch die Geburtsurkunden der Familie und die Taufscheine nahmen sie mit. Offenbar waren sie froh, dass sie nicht ganz ohne geheimnisvolle Papiere zu ihrem Vorgesetzten zurückzukehren brauchten.

Ihre Freude war vollkommen, als sie auch noch den Kaufvertrag für unser Häuschen mit dem Blechdach entdeckten, das die Eltern Tante Rosa abgekauft hatten. „Wer kann sich schon ein so großes Haus kaufen?“ fragte einer der Männer grinsend. „Doch nur Faschisten, nicht wahr?“ Die Eltern erwähnten mit keinem Wort, dass die Mutter Ringe und Broschen verkauft hatte, als sie das Geld für das Häuschen brauchten. In den Ohren der Milizsoldaten hätte dieser Umstand erst recht dafür gesprochen, dass wir Kapitalisten und Faschisten sein müßten. „Hier haben wir ja noch etwas!“ rief einer der Männer und hob ein langes Messer in die Hände. „Das ist unerlaubter Waffenbesitz!“ „Das ist keine Waffe, sondern ein Schlachtermesser. Damit werden Schweine und Rinder geschlachtet“, erklärte der Vater.

„Was das ist, musst du deutsches Schwein schon uns überlassen“, fuhr einer der Männer ihn an. „Wir wissen das besser.“ Der Vater wandte sich achselzuckend an die Mutter und sagte: „Du merkst ja, sie wollen mir unbedingt einen Strick drehen. Ich komme nicht wieder, das ist gewiß!“ „Deutsch sprechen ist verboten!“ wurde er angefahren. „Du hast deiner Frau eben gesagt, wann und wie du ausreißen willst!“

Der Vater schwieg. Es war zwecklos, ein Wort zu sagen. Erst als die Männer die Durchsuchung einstellten und sich zum Aufbruch rüsteten, sagte der Vater: „Meine Kinder sprechen nicht russisch. Darf ich mich auf deutsch von ihnen verabschieden?“ „Wozu denn verabschieden? Morgen früh bist du wieder zurück, wenn du wirklich unschuldig bist!“ Da endlich mischte sich der dritte Milizsoldat ein, der bisher geschwiegen hatte. „Warum soll sich der Mann nicht von seinen Kindern verabschieden?“ fragte er seine Kameraden. „Versetzt euch doch in seine Lage! Ihr habt doch selbst Kinder!“ Dabei standen ihm die Tränen in den Augen. Er wandte sich schnell um und ging hinaus.

Vater umarmte Harry: „Ich verlasse mich auf dich, Harry! Du bist jetzt der Mann. Du musst der Mutter helfen, die zwei Kleinen großzuziehen. Hör auf mit der Schule und arbeite in der Kolchose. Und versprich mir, dass du Mutter und die Kleinen niemals freiwillig verlassen wirst!“ Harry nickte stumm, und der Vater wandte sich an Johann. „Du musst schön brav sein und tüchtig lernen, Johann. Du musst doch der Mutter einmal helfen können, wenn sie alt und krank ist.“ Ich ertrug es nicht mehr. Ich weinte laut. Der Vater nahm mich in seine Arme. „Wer wird denn weinen? Du bist doch schon mein großes Mädchen! Morgen bin ich wieder da. Solange hältst du es doch ohne mich aus, nicht wahr? Sei immer schön folgsam, damit die Mutter nicht klagen muss, wenn ich wiederkomme!“

Dann versagte ihm die Stimme, und er weinte wie ein kleines Kind. Die beiden Männer, die dem Abschied zugesehen hatten, wandten sich ab und schneuzten sich. „So ein Mist!“ knurrte einer. Nun verabschiedete sich der Vater von der Mutter. „Achte auf die Kinder! Lass sie nie allein! Und gräm dich nicht zu sehr. Gott hat es eben so gewollt!“ „Gott?“ Mutter fuhr ihn an: „Den gibt es nicht! Wenn es ihn gäbe, ließe er so etwas nicht zu!“

Der Vater strich ihr über das Haar. „Ich bitte dich, Emma, verliere nie den Glauben. Sonst bist du mit den Kindern verloren!“ Das waren seine letzten Worte. Dann ging er zur Tür, drehte sich noch einmal um, hob die Hand und ließ sie wieder fallen. So sahen wir unseren Vater zum letzten Male. Auf die Straße durften wir in dieser Nacht nicht.

Draußen ging es ziemlich laut zu. Mutter schlich hinaus und spähte um die Straßenecke. Dort standen zwei Lastwagen, jeder von zwei bewaffneten Soldaten bewacht. „Diesmal haben die Menschenjäger ganze Arbeit geleistet“, sagte Mutter, als sie wieder zu uns kam. „Beide Lastwagen sind mit Männern vollgestopft!“

Erst zwei Stunden später hörten wir die Wagen abfahren. Es dämmerte draußen schon. Die Vögel zwitscherten, der Morgen kündete sich an. Auf einmal war die Straße voller Menschen. Frauen und Kinder schrien und liefen den Autos nach. Eine Frau schrie immer wieder: „Eduard! Eduard! Du kannst mich doch nicht verlassen!“ Dann brach sie zusammen.

Auch Tante Rosas Mann war abgeholt worden. Sie stand mit ihren zwei Buben bei uns. Wir froren. Erregung und Kälte ließen uns zittern. Mutter schickte uns in die Betten. Auch die beiden Kirchner-Jungen kamen mit uns. Ich kroch in das Bett des Vaters und suchte nach seiner Wärme, doch das Bett war kalt. Ich weinte mich in den Schlaf. Mein letzter Gedanke war: Lieber Gott, mach, dass Papa wieder heimkommt. Mutter blieb mit den anderen Frauen draußen. Einige weinten, die anderen sprachen miteinander. Einer Frau hatte man in dieser Nacht den Mann und beide Söhne genommen.

Als wir Kinder aufwachten, saßen Mutter und Frau Kirchner am Tisch und tranken Tee. Essen konnten sie nichts. Mutter sagte, vierundfünfzig Männer seien in dieser Nacht abgeholt worden. Im Dorf konnte nun kaum noch ein Mann übrig sein. Auch die beiden größeren Jungen der Familie Gerberschaber waren fort. Der dritte hatte Knochenkrebs. Ihn hatten sie zurückgelassen und auch den alten Großvater, der schon über siebzig war. Wir alle warteten auf die Rückkehr der Männer. Das ganze Dorf wartete. Keiner kam zurück, nur am dritten Tage der jüngere Sohn der Frau Gaus. Er war erst siebzehn, und man hatte ihn laufen lassen. Aber von Vater und Bruder wusste er nichts. Sie waren getrennt worden. Die Miliz hatte ihm streng verboten, über seine Erlebnisse während dieser drei Tage irgendeinem Menschen ein Wort zu erzählen, und er war so verängstigt, dass er wirklich kaum noch wagte, den Mund aufzutun.

Gegen Abend kam Onkel Kastdorf zu uns. „Ich ziehe jetzt nach Madesowka“, sagte er. „Wenn euer Vater nicht mehr bei euch ist, will wenigstens ich in eurer Nähe sein.“ Ich wollte und konnte nicht essen. Ich nahm so sehr ab, dass Mutter sich ernstlich um mich sorgte.  ...

Leseprobe aus "Der Zug in die Freiheit": 

... Am 20. Januar 1945 - morgens um neun Uhr - läutete das Telefon. Es war die Landjahr-Bezirksführerin aus Posen. Sie teilte Anni kurz und bündig mit: „Alle Mädchen, die ihre Eltern - oder besser gesagt, ihre Mütter - bis zum Abend noch erreichen können, sollen sofort nach Hause fahren. Der Rest soll sich zur Flucht bereitmachen. Abends um acht Uhr ist Abmarsch nach Birnbaum. Das sind vierzig Kilometer. Treffpunkt ist Frankfurt/Oder. Dort steht ein Lager leer, wo wir einige Tage bleiben werden. Von diesem Lager geht es dann weiter. Aber das erfahren wir erst in Frankfurt.“

So - nun war es soweit. Opa Schwarz hatte es ja vorausgesagt. Anni, Rosemarie und Ilse riefen uns alle im Essraum zusammen, und Anni teilte das eben Gehörte mit. Lydia, Lina und Lucy, Else und Christa durften nach Hause. Es waren im ganzen 18 Mädchen, die heimfuhren. Die restlichen 22 Mädchen und die Führerinnen machten sich bereit zur Flucht.

Der Abschied von meinen Freundinnen war schwer. Ich begleitete sie zum Bahnhof. „Grüßt alle zu Hause“, mehr konnte ich nicht sagen. Der Schmerz war zu groß. Die Tränen saßen in dieser Zeit locker. Mit meinen fünfzehn Jahren hatte ich schon zu oft Abschied nehmen müssen. Ich verlor Freunde aus den Augen, die ich nie wieder in meinem Leben sehen sollte. Auch dieser Abschied war etwas Unwiderrufliches, das spürte ich - und ich behielt recht.

Im Schloss herrschte großes Durcheinander. Rosemarie wollte ihre vielen schönen Bücher nicht hierlassen. Sie packte alle in einen Reisekorb aus Weiden, verschloss ihn und brachte ihn zu einem Bauern, der die Sachen von Rosemarie bis Birnbaum mitnehmen wollte. Anni packte auch einige Kisten voll. Sie hatte viele persönliche Sachen im Schloss. Ilse brachte ihre Sachen zu Franks, die alles bis Birnbaum mitnahmen. „Von Birnbaum aus geht es mit dem Zug weiter“, erklärte uns Anni.

Wir Mädchen packten unsere Tornister. Viel hatten wir ja nicht. Ich leerte meinen Schuhputzbeutel und füllte ihn mit Zucker. Zum Glück hatten wir am Morgen noch 30 Brote bekommen. Die meisten waren noch vorhanden. Als Anni die Brote verteilte, nahm ich mir zwei. Den anderen war das zu schwer. Aber ich wusste, was Hunger bedeutet, nur zu oft hatte ich das am eigenen Leib verspürt. „Lasst lieber was anderes zurück“, riet ich ihnen. „Nehmt Brot, Zucker, Schmalz, einfach etwas zum Essen mit.“

Manche folgten meinem Ratschlag. Die anderen aber wollten sich nicht von ihrem Klimbim trennen. Nach dem Mittagessen bat ich Anni um die Erlaubnis, zu meinem Bauern zu gehen. Ich wollte sehen, wie weit sie dort mit dem Packen waren. Mit ihnen sollte ich bis Birnbaum fahren. Als ich hinkam, stand ein Wagen vor der Tür: voll bis obenhin mit Kisten, Säcken und ähnlichem. Opa war ganz kopflos. Oma weinte. Die Jungbäuerin ging mit verheultem Gesicht umher. Die Kinder saßen in der Küche, ganz verstört. „Gott sei Dank, dass du kommst“, sagte Opa. „Ich muss dich vieles fragen. Du hast doch schon eine Flucht mitgemacht - so mit Pferd und Wagen.“

Ja, das hatte ich. Deshalb sah ich auch sofort, was Opa falsch gemacht hatte. „Alle Sachen müssen noch mal herunter. Wir müssen anders aufladen. Die große Kiste muß nach hinten. Hier hinten müssen wir zwei starke Bretter festmachen, damit die Ladung bei stark steigender Straße nicht verrutscht. Vorn brauchen wir eine leere Kiste. Den Deckel sägen wir der Länge nach durch, so dass man sie als Kutschersitz verwenden kann. In die Kiste stellen wir zwei Stühle mit den Vorderbeinen. So hat der Kutscher eine Lehne. Sie wird mit Decken behängt, denn wenn es so kalt wird wie heute, braucht er eine warme Lehne. In die Kiste legen wir Stroh, damit es an den Füßen nicht so kalt wird. Außen an den Wagen hängen wir einen Eimer und einige Säcke mit Hafer für die Pferde. Mitten im Wagen müssen wir Platz lassen für einige Armvoll Stroh. Darauf kommt Bettzeug. Was ihr habt, alles rauf! Da werden Oma und die Kinder reingepackt. Nehmt alles Eßbare mit. Alles, was ihr auftreiben könnt. Nur Kartoffeln nicht, die erfrieren.“

Wir arbeiteten ganz verbissen. Opa war auch nicht mehr der Schnellste und ich halt doch nur ein Mädchen. Der Knecht war am Morgen verschwunden. Er wusste bestimmt schon lange, dass es so kommen würde. Fast jeder Pole war in der Untergrundbewegung. Dann schauten wir auch die Hufeisen der Pferde nach, legten vier Eisen als Ersatz in die Kiste vorn, dass sie jederzeit greifbar waren. Dazu Hammer, Kneifzange, Säge, Nägel, eine Feile und ein Ersatzrad, das wir an der Seite festbanden. Genauso wurden Kochtöpfe und Geschirr griffbereit verstaut.

Zuletzt sagte ich Opa, er müsse noch Zugseile bereitlegen, falls unterwegs etwas reißen sollte. An so vieles hatte Opa nicht gedacht und dafür einiges mitgenommen, was überflüssig war. Aber ich hatte schon am eigenen Leib verspürt, was es bedeutet, wenn wichtige Dinge fehlten.

Die Nachbarsleute kamen herüber und fragten Opa, wie er es mache, und er gab meine Ratschlage gern weiter. Ich versprach, gleich beim Treffpunkt mit meinem Tornister zu ihnen zu kommen. Treffpunkt war der Ortsausgang in Richtung Birnbaum um acht Uhr abends. Im Schloss standen die Mädchen herum. Sie waren sehr aufgeregt. Wir durften von den eingemachten Früchten im Keller essen, soviel wir wollten. Das taten wir dann auch.

Kurz vor acht Uhr kam Lena noch ins Schloss. „Ich will nur euch allen auf Wiedersehen sagen. Ihr wart immer gut zu mir.“ Zu mir gewandt sagte sie: „Du Nelly, behalte dein mitfühlendes Herz.“ Ich umarmte Lena und drückte sie ganz arg. Es war mir egal, ob sie Polin war oder nicht. Anni sagte zu Lena, sie solle sich Lebensmittel vom Schloss holen - aber noch solange wir hier waren. Sonst werde sie als Plünderer angeschaut, und die würden alle erschossen. Natalie sah blass und bleich aus. Sie war sehr zart, und ich bedauerte sie. Denn vierzig Kilometer laufen war eine verdammt harte Sache. Wir sollten zwar bei den Bauern mitfahren, aber wir waren nicht warm genug angezogen. Die Wagen hatten kein Verdeck. Ein Verdeck zu machen war unmöglich, die Zeit zu kurz. Die Bauern hatten erst mittags den Befehl erhalten, sich zur Flucht bereitzuhalten. „Das Beste ist laufen, sonst erfriert ihr euch die Füße“, meinte Rosemarie.

Paulinchen, unsere Kleinste, hatte unsagbare Angst, von mir getrennt zu werden, denn sie mußte ja bei ihrem Bauern mitfahren. Als es dann soweit war und wir unsere Tornister nach unten brachten, kam Natalie die Treppe herunter - schön wie immer: die Lippen rot geschminkt, die langen Haare offen. Das sah so komisch aus: die Trainingshose, die derben Schuhe und dazu die roten Lippen. Ich stellte mich vor sie und lachte aus vollem Hals. „Da schaut die schöne Müllerstochter an! Sie geht nicht auf die Flucht, sie geht zu ihrem Königssohn!“ Natalie lief vor Wut rot an. „Du bist geschmacklos, Nelly“, tadelte mich Rosemarie. „Statt Natalie aufzuklären, lachst du sie aus!“ „Entschuldige, Rosemarie. Auch ich kann nur lachen“, mischte sich Ilse ein. „Was glaubt Natalie, wie sie aussieht, wenn sie vierzig Kilometer Fußmarsch hinter sich hat? Sie soll sich lieber ihre Haare zu Zöpfen flechten, aufstecken und darüber ein warmes Kopftuch ziehen. Denn immerhin haben wir 22 Grad unter Null.“ Beleidigt - ganz Königin - ging Natalie nach oben und verschwand im Bad. Anfangs möchte ich Natalie sehr, sie war wunderschön. Blond, blaue Augen, ein Gesicht wie ein Engel. Bald merkte ich aber, dass das auch alles war. Ihr Kopf war leer. Sie verließ sich zu sehr auf ihre Schönheit. Seit sie zu mir einmal „Bolschewik“ gesagt hatte und ich ihr daraufhin eine geknallt hatte, mochten wir uns nicht mehr.

Es war befohlen worden, alles Essbare sowie die Einrichtung zu zerstören. Aber das widerstrebte uns. Deshalb ließen wir das Schloss völlig unzerstört zurück. Vielleicht kämen noch deutsche Soldaten, und die wären froh, eine Unterkunft zu haben, in der sich noch etwas Eßbares finden ließe. „Alles zum Abmarsch antreten. Draußen aufstellen, in zwei Reihen“, rief Anni. Adelheid war mit ihrem Brüderchen zu uns herübergekommen. Ihre Sachen waren schon bei einem Bauern verstaut. Der kleine Rolf war jetzt schon müde. Er wollte immer heimgehen und schlafen. Dann war es soweit: Das Schlosstor war passiert, und wir gingen durch die Allee. Bloß nicht zurücksehen, sagte ich mir im stillen. „Wer zurückschaut, macht sich Kummer“, sagte meine Mutter, als wir Andrenburg verließen.

An der Hauptstraße hieß es: „Stillgestanden! - Rührt euch!“ Dann erklärte uns Anni genau, was wir tun sollten: „Jede geht jetzt zu ihrem Bauern. Da bleibt ihr bis Birnbaum. Von Birnbaum fahren wir mit dem Zug nach Frankfurt/Oder. Treffpunkt ist also Bahnhof Birnbaum oder Frankfurt. Ich bleibe bis zuletzt in Birnbaum. Wenn alle Mädchen verfrachtet sind, komme ich wahrscheinlich mit dem letzten Zug nach.“ Anni verabschiedete uns, und wir gingen auseinander. Mein Bauer stand ziemlich weit vorn. Opa war sehr aufgeregt, als ich zu ihnen kam. „Hast schon gesehen? Die Straße ist spiegelglatt.“ „Ja, die war schon vor Weihnachten so. Geschneit hat es ja seither nicht mehr.“

Die Wagen hatten sich formiert. Alles war marschbereit. Oma und die Kinder saßen im Wagen, in Bettzeug sicher eingepackt. „Wenn es losgeht, deckt ihr eine Wolldecke über eure Gesichter, damit sie euch nicht erfrieren“, sagte Opa. Die Oma wollte, dass ich auch zu ihnen ins Warme komme, doch davon wollte ich nichts wissen. Die Jungbäuerin hatte ihren Fahrersitz mit Decken gut gepolstert, so daß sie warm saß. Die Pferde hatten auch ihre Decken übergelegt bekommen. Die Nacht war bitter kalt. Dann gab der Bürgermeister das Abfahrtszeichen. Der Treck von Steffanshofen setzte sich in Bewegung. Das hatte ich schon einmal erlebt. Jetzt wiederholte es sich genauso, wie 1943. Manche Pferde waren schlecht beschlagen und rutschten oft aus. Nur langsam kam der Treck voran. Hier und da hörte man die Männer schimpfen und fluchen. Kinder weinten.

Opa und ich gingen neben dem Wagen her. Immer bereit zuzufassen, wenn eines der Pferde ausrutschte. Der Treck bestand vor allem aus Frauen, Kindern und Großeltern. Wer Glück hatte, besaß einen noch nicht so alten, rüstigen Großvater. Bei vielen Wagen war noch der polnische Knecht dabei, aber die Polen wollten nicht mit. Deshalb flohen viele, sobald sich eine Gelegenheit bot. War der Bauer zu ihnen vorher nicht gut gewesen, dann war es sowieso schlimm. Die Knechte machten dann irgend etwas kaputt, um sich auf diese Weise zu rächen.

Bei Schwarzens war der Opa noch einigermaßen auf Draht. Er war nicht mehr der Schnellste, aber ausdauernd. Mit seiner Pfeife im Mund, der warmen Zipfelmütze und den dicken Filzstiefeln sah er aus wie ein typischer Posener Bauer. Langsam und bedächtig ging er neben dem Wagen her. Er hatte nie viel gesprochen. Jetzt aber schwieg er ganz. „Was meinst du, Vater“, fragte die Schwiegertochter, „wann sind wir in Birnbaum?“ „Wenn es so weitergeht, morgen früh um fünf oder sechs Uhr. Aber es geht nicht so weiter“,  antwortete er und versank wieder in sein Brüten. Gleich nach der nächsten Ortschaft mündete die Straße von Wronke in die Straße nach Birnbaum ein. Den Treck konnte man im Mondlicht weit sehen. Der Mond stand hell und voll am Himmel. Wie eine gespenstische Schlange bewegten sich die Wagen. An der Kreuzung fädelten sie sich ortschaftsweise ein. Eine geschlossene Ortschaft nach der anderen bog in die Straße ein. So etwa gegen elf Uhr kam der Treck ins Stocken. Es ging und ging nicht weiter. Die Leute schimpften. Keiner wußte, was los war. „Muß mal sehen“, sagte ich zu Opa, „was da vorn los ist.“ „Nein, du bleibst da. Du gehst keinen Schritt weg.“ Die Jungbäuerin hatte Angst, dass ich nicht mehr zurückfände. „Geh ruhig“, erlaubte mir Opa, „du wirst schon wieder herfinden.“ Ich marschierte los. Ungefähr einen halben Kilometer weiter vorn war ein Pferd gestürzt. Der alte polnische Knecht bekam es nicht mehr auf die Beine. Er schlug einige Male auf das Pferd ein, aber es konnte nicht aufstehen. Die Straße war zu glatt. Als ich hinkam, standen einige Frauen und alte Männer herum. Aber helfen konnten sie nicht. Das erste, was ich machte, war, nach den Hufeisen zu schauen. Natürlich: Sie waren alle fast abgelaufen.

„Das ist eine Schweinerei!“ schimpfte ich mit dem alten polnischen Knecht. „Das Pferd hätte schon im Herbst neu beschlagen werden müssen. Wie kann man ein Pferd mit solchen Eisen überhaupt auf die glatte Straße lassen?“ „Nelly, Nelly, bist du das?“ Es war Paulinchens Bauer. Paulinchen drängte sich durch und sagte vertrauensvoll zu mir: „Ich hatte schon solche Angst, dass wir hier stehenbleiben. Es ist so kalt. Jetzt bist du da, jetzt geht's bestimmt weiter.“ Ich freute mich auch über Paulinchen. Aber ob es weiterginge, nur weil ich da war? Da war ich nicht so sicher. Ich dachte schnell nach, was unsere Männer in diesem Fall beim russischen Treck machen würden. Auf einmal wußte ich genau, was getan werden musste. „Los, das Pferd muß ausgespannt werden. Ihr macht das, bis ich wiederkomme“, erklärte ich dem Knecht. „Ich gehe zu Opa Schwarz und hole die Feile. Dann feilen wir die Stollen an, so dass das Pferd wieder einen Halt bekommt.“

So schnell ich konnte, lief ich nach hinten. Ganz außer Atem kam ich dort an. „Opa Schwarz! Ihr müsst kommen. Der Hofer-Bäuerin ist ein Pferd gefallen. Wir müssen die Stollen anfeilen und versuchen, es auf die Beine zu bringen, sonst stehen wir noch morgen früh hier.“ Schnell holte ich die Feile aus der Kiste. Zweckmäßig hatten wir sie in die Kiste gelegt, in der die Jungbäuerin ihre Füße stecken hatte. „Wenn die Wagen weiterfahren“, sagte Opa zu ihr, „fährst du auch weiter. Wir warten vorn.“ So schnell es ging, kam Opa mir nach. Ich war schon ein Stück voraus. Die Leute hatten inzwischen das Pferd ausgespannt. „Nun müssen wir es an die Seite schieben“, kommandierte ich, „da ist es nicht so glatt, und es kann Tritt fassen.“ Mit Schieben und Stoßen, Ziehen, Heben und mit Schimpfen gelang es uns. Nach einer fast unmenschlichen Anstrengung hatten wir das Pferd aufgestellt. Etwas ängstlich stand es da auf seinen zittrigen Beinen. Zur Hofer-Bäuerin sagte ich, sie solle dem Pferd eine Decke überlegen, dann die Seite, auf der es gelegen hatte, mit Stroh gut abreiben. Dem Knecht aber trug ich auf, auch das andere Pferd auszuspannen und auf der anderen Seite wieder einzuspannen. Inzwischen war auch Opa angekommen. Er übernahm es, dem Pferd die Stollen zu feilen. „Du bist ein verdammt tüchtiges Mädchen, Nelly. Ich bin stolz auf dich“, lobte mich Opa.

Ja, Not macht erfinderisch. Außerdem hatte ich auf dem Treck aus Russland Augen und Ohren aufgesperrt und auf diese Weise viel mitbekommen.    ...