Alle Spuren sind verweht

Sei es die Verfolgung der Russlanddeutschen im Zuge der Entkulakisierung 1929 - Kulaken waren laut Gesetz Bauern, die familienfremde Arbeitskräfte beschäftigten, völlig willkürlich ausgelegt - oder schon 1914 beim Ausbruch des 1. Weltkrieges oder 1941 mitten im 2. Weltkrieg - im Ergebnis war alles gleich schrecklich! Menschen deutscher Abstammung werden zu Zwangsarbeit verurteilt und in die Verbannung geschickt. Sibirien, Schnee, eisige Kälte. Frauen auf dem Weg zur Arbeit, schlecht gekleidet, hungrig, erschöpft, oft belastet durch die Sorge um Familienangehörige. Manche schafften es zu überleben. Stellvertretend für die vielen ungenannten Frauen malen, dichten und erzählen die Autoren und Autorinnen hier von ihren Frauen, Müttern, Großmüttern und Tanten, damit nichts in Vergessenheit gerät.

1997 erschienen, Titelbild von Andreas Prediger

Dieses Buch wurde in den USA ins Englische übersetzt.Nelly Däs "Gone without a trace", translated by Nancy Bernhardt Holland. 2001.

Lasst die Jugend sprechen

Auch in diesem Sammelband lässt Nelly Däs andere zu Wort kommen. Russlanddeutsche Jugendliche bekommen die Möglichkeit, ihre Erlebnisse und Erkenntnisse mit eigenen Worten darzustellen. Wie anders wollen wir an die ganze Wahrheit kommen, die nur die wissen, die alles miterlebt oder wenigstens aus erster Hand von ihren Eltern und Großeltern erfahren haben?

 

Leseprobe aus Alle Spuren sind verweht:

Elfriede und Johannes Warkentin  Editha 

... Im September 1941 hielt unser Güterzug voll mit deputierten Deutschen aus dem Westen der Sowjetunion am Bahnhof Tugan, Gebiet Tomsk / Sibirien. Dann kamen Pferdewagen, auf denen unsere Sachen verladen wurden, die uns in die sibirische Wildnis bringen sollten. Ich weiß nicht mehr, wie viele Familien einem Wagen zugeteilt wurden. Jeden Wagen zog eine magere Schindmähre. Unser Vater war krank und schwach, deshalb erlaubte man ihm, sich auf einen Wagen zu setzen. Alle anderen, groß und klein, gingen zu Fuß. Es war ein trüber Herbsttag. Die Sonne lugte manchmal aus den grauen Wolken hervor. Dann regnete es, und gegen Abend fiel der erste Schnee. ... Anfangs lebten wir in Baracken in einem Lager, das mit Stacheldraht eingezäunt war. Die Ausstattung der Baracken bestand nur aus Holzpritschen, 2 Etagen hoch. Die Lebensbedingungen in den Baracken waren höchst primitiv. ... Zudem hatten die Frauen nach einem 12stündigen, ununterbrochenen Arbeitstag und einem 12-km-Marsch mit Appellquälerei keine Kraft, an Hygiene oder Körperpflege zu denken. Sie fielen nur auf die Pritschen nieder, um zu schlafen und bemerkten kaum noch, wie Wanzen und Läuse an ihrem ungewaschenen Körper zehrten. Die erste Zeit gingen wir ohne Bewachung die 6 km bis zum Werk. Wenn wir unser Tagessoll schafften, bekamen wir täglich 800 g Brot, zusätzlich die Monatsration von 500 g Zucker zum Teesüßen. ...

Vorwort von Dr. Herbert Wiens, Vorsitzender des Kulturrates der Deutschen aus Russland (Auszug):

Dieses Buch ist unseren Frauen und Müttern gewidmet. Es soll dazu beitragen, die Erinnerung an ihr schweres Schicksal in der bis in die Jahre des 1. Weltkrieges zurückreichenden Zeit des Diskriminierung, Verfolgung und Deportation des Deutschen aus Rußland und der Sowjetunion wachzuhalten. ... Das Schlimmste aber war die Deportation nach dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges am 22. Juni 1941. Im Dekret vom 28. August 1941 wurde die zwangsweise Umsiedlung aller Deutschen aus der Wolgadeutschen Republik nach Sibirien und Zentralasien, vor allem Kasachstan, angeordnet, weil sich "unter der deutschen Bevölkerung Tausende und aber Tausende Spione und Diversanten befinden". Die Verschleppung wurde auf den ganzen westlichen Teil der Sowjetunion ausgedehnt. Oft mussten die Deutschen - vom Säugling bis zum Greis - innerhalb weniger Stunden Wohnung und Heimatdorf verlassen und sich zum Abtransport einfinden. In Güterwaggons mit bis zu 50 Personen zusammengepfercht, wurden sie in wochenlanger Fahrt und unter unmenschlichen Bedingungen in Gebiete östlich des Urals transportiert, wo sie willkürlich, notdürftig und verstreut untergebracht wurden. Als "Spione und Diversanten" waren sie hier einem amtlich geförderten, weitverbreiteten Hass gegen alles Deutsche ausgesetzt. Sie standen unter strenger Kontrolle einer Kommandantur. Den zugewiesenen Wohnort durfte unter Androhung härtester Strafen niemand ohne Erlaubnis verlassen, auch nicht kurzfristig. Diese sogenannte "Spezkommandantura" dauerte bis 1955. ...

Alle Männer im Alter von 15 bis 55 Jahren und Frauen von 16 bis 45 Jahren wurden in Arbeitskolonnen mobilisiert, die Trudarmija (Arbeitsarmee) hießen. Nur Frauen, die Kinder unter drei Jahren hatten, waren davon befreit. Kinder über drei Jahre mussten Familienangehörigen überlassen oder der Kolchose zur Pflege übergeben werden. In den streng bewachten Lagern der Trudarmija galten sie als "Faschisten und Vaterlandsverräter" und wurden entsprechend behandelt. In den Wohnbaracken herrschten völlig unhygienische Verhältnisse. Die "Trudarmisten" mussten unter strenger Bewachung schwerste Arbeit verrichten, auch die Frauen (Bäume fällen), litten stets unter Hunger und Kälte. Viele haben die seelischen und physischen Strapazen nicht überstanden. Täglich gab es Tote. Sie wurden irgendwo verscharrt, ohne die Angehörigen zu benachrichtigen.

Dieses allen Russlanddeutschen in die Jahren der Verfolgung und Deportation widerfahrene Schicksal traf die Frauen und Mütter besonders hart. In ständiger Angst um den Ehemann, Sohn, Vater lebend, sind sie nicht verzweifelt, sondern tapfer geblieben, haben schwerste Arbeit übernommen, haben Spott und Verachtung würdevoll getragen, sind Risiken an Leib und Leben eingegangen - alles um ihrer Kinder willen, um unter unvorstellbaren Entbehrungen und Opfern dafür zu sorgen, dass sie nicht erfrieren und nicht verhungern mussten und dass sie die Sitten und Bräuche der Vorfahren nicht vergaßen und ihre eigene Muttersprache pflegten. Wenn sie einmal die Verzagtheit überfiel und sie der Verzweiflung nahe waren, richteten sie sich stets an ihrem tiefverwurzelten Gottesglauben auf, der sie in jeder noch so ausweglos erscheinenden Lage neue Kraft und Hoffnung schöpfen ließ. Und sie gaben sich viel Mühe, diese Glaubensgewissheit auch in die Herzen der in atheistischem Umfeld aufwachsenden Kinder und Jugendlichen zu pflanzen. Von alledem erzählt und berichtet dieses Buch. Es ist ein Vermächtnis an unsere Frauen, Mütter und Großmütter (!), ein Denkmal, das ihre Verdienste in den schicksalsschweren Zeiten würdigen und vor dem Vergessen bewahren soll. Wir danken allen, die Beiträge geleistet haben. Ein besonderer Dank gebührt Frau Nelly Däs, die alles mühsam gesammelt und gesichtet hat. Möge dieses "Frauenbuch" Anerkennung und weite Verbreitung finden!