Nelly Däs wurde am 8. Januar 1930 in Friedenthal/Ukraine geboren. Sie hatte noch zwei Brüder, Harry und Johann, genannt Hans. Ihre Eltern waren Johann und Emma Schmidt. 1935 floh die Familie, weil dem Vater eine Verhaftung drohte. Eine Odyssee begann, die für Nelly 1945 in Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg) endete. 

Nach ihrer Herrenschneider-Lehre in Schwäbisch Gmünd wurde sie in Waiblingen sesshaft. Sie heiratete Walter Däs und bekam sechs Kinder, von denen vier im Säuglingsalter starben. Ihr Sohn Harald starb kurz vor seinem 31. Geburtstag. Eine Tochter lebt noch. Nelly Däs ist stolze Großmutter von 4 Enkel/innen und 4 Urenkel/innen. Sie nimmt regen Anteil an ihrem Leben.

Laudatio am 13. Dez. 1996 für Nelly Däs bei der Verleihung des Rußlanddeutschen Kulturpreises  Baden-Württemberg

Dr. Herbert Wiens, Kulturratsvorsitzender der Deutschen aus Rußland e. V

Wer die Werke von Frau Nelly Däs kommentieren und würdigen will, muss das schicksalsschwere Erlebnisfeld der Autorin als Hintergrund kennen. Nur so kann man Ziele, Methoden und Sujets begreifen, die Frau Däs bei ihrer schriftstellerischen Tätigkeit ständig begleiten.

Als am 22. Juni 1941 der deutsch - sowjetische Krieg begann und die schreckliche Katastrophe über die Russlanddeutschen hereinbrach, war sie noch ein Kind. Deshalb konnte sie noch nicht ahnen, was die schon kurz nach Beginn der Kriegshandlungen einsetzende Deportation aller Deutschen aus dem Gebiet diesseits des Urals für sie und ihre Angehörigen an Diskriminierung, Leid und Entbehrungen bringen würde.

Als Tochter deutscher Eltern, deren Vorfahren 1811 aus Friedrichsfeld im Badischen nach Südrußland ausgewandert waren, wurde Nelly Däs 1930 im Dorf Friedental an der Molotschna in der Südukraine geboren. Ihre Eltern waren Bauern.

Der Vater weigerte sich, in den Kolchos einzutreten, weil er „nicht Knecht auf dem eigenen Hof sein wollte". Daraufhin wurden Land und Hof zwangsweise der Kollektivwirtschaft übereignet. Die Familie musste sich auf die Flucht begeben, immer in Angst vor Verhaftung und Verschleppung durch die Politische Geheimpolizei. Wie Frau Däs selbst sagt, dauert diese Flucht  10 Jahre. Ganz auf sich gestellt erreichte sie im Februar 1945 Deutschland. In Waiblingen fand sie eine neue Heimat,  wo sie heute noch lebt.

Aber auch hier musste sie noch Monate nach dem 8. Mai 1945 um ihre Freiheit fürchten. Sowjetische Offiziere und Kommissare zogen durch die Westzonen,  um ihre Staatsbürger aufzuspüren und einzusammeln, um sie zu "repatriieren". Bis die Alliierten merkten, dass die "Repatrianten" nicht nach Hause kamen, sondern nach Sibirien und Mittelasien, wo sie unter strenger Aufsicht des KGB in völliger Rechtlosigkeit gefangengehalten wurden, da war es für viele zu spät.

Als Nelly 8 Jahre alt war, wurde ihr Vater verhaftet. Die in deutscher Sprache ausgestellte Taufscheine seiner drei Kinder und der Trauschein der Eltern galten als Beweismittel seiner "Schuld". Den Vater hat die Familie niemals wiedergesehen, er galt vom Tage der Verhaftung an als verschollen.

Wenn man Frau Däs fragt, wie sie als gelernte Schneiderin zur Schriftstellerin wurde, sagt sie immer, dass sie sich eines Tages vorgenommen habe, sich "alles von der Seele" zu schreiben, um die "traumatischen Erlebnisse" der Jugend leichter zu verarbeiten. Manch einer unserer Autoren ist diesen Weg auch gegangen.

Als abwertende Bemerkungen über die Rußlanddeutschen sich nicht nur an Stammtischen, sondern auch öffentlich häuften, packte sie der Ehrgeiz, und sie entschloss sich, ihre Erinnerungen aufzuzeichnen, um den Ruf der eigenen Volksgruppe zu retten.

Und so begann Nelly Däs zu schreiben; erst 20 Jahre nach glücklich überstandener Flucht. Zunächst waren es 10 karierte DIN A 4 Hefte, die bald die Aufmerksamkeit des Jugendbuchautors Hans Georg Noack fanden. Durch seine Vermittlung konnte bereits 1968 ihr erstes autobiographisches Werk „Wölfe und Sonnenblumen" beim Oetinger Verlag Hamburg erscheinen, dem wenige Jahre später der zweite Teil "Der Zug in die Freiheit" folgte. Hier schildert sie aus der Sicht eines jungen Mädchens das Schicksal ihrer Familie vor und während des Krieges; Flucht und ständige "Furcht vor Sibirien", wie sie die Angst dieser Jahre nennt, haben sie nie losgelassen.

Drei Romane "Schicksalsjahre in Sibirien", "Das Mädchen vom Fährhaus" und "Rußlanddeutsche Pioniere im Urwald" sowie drei Jugendbücher in den letzten 7 Jahren "Mit Timofej durch die Taiga", "Aljoscha, ein Junge aus Kriwoj Rog", "Lasst die Jugend sprechen" und ein Russlanddeutsches Kochbuch ergänzen den großen Gesamtbestand ihres schriftstellerischen Schaffens.

In keinem ihrer Bücher hat die Autorin typisch russlanddeutsche Probleme so meisterhaft angesprochen wie in dem Roman "Das Mädchen vom Fährhaus", der dem früh verstorbenen Sohn Harald gewidmet ist.

Das ZDF hat den Roman 1996 als zweiteiligen Film mit je 90 Minuten verfilmt  - unter dem Titel "Nadias Heimkehr in die Fremde" - und als Fernsehfilm gesendet.

Nadia, die Hauptperson, ist Tochter eines deutschen Soldaten und einer Ukrainerin. Was ist sie nun: Ukrainerin, Deutsche, Deutschrussin oder russische Deutsche? Das bringt sie in verzweifelte Situationen. Während sie am Fährhaus friedlich in Gemeinschaft mit Russen lebt und anerkannt ist, wird sie bei ihrer zukünftigen Schwiegermutter in Moskau als Angehörige der deutschen Volksgruppe angefeindet, beschimpft und mitverantwortlich gemacht für die grausamen Erlebnisse des Krieges.

Der Film zeigt darüber hinaus facettenreich die alte Nomenklatur im neuen Gewande, er spricht auch die Schwierigkeiten an, denen sich die Russlanddeutschen in den Ländern der GUS als auch die Spätaussiedler in Deutschland gegenübersehen. Der Film weckt bei Jugendlichen und Erwachsenen tiefgehende Emotionen.

Von den Jugendbüchern gilt  "Mit Timofej durch die Taiga" als klassischer Abenteuerroman. Der russlanddeutsche 11-jährige Junge Eugen Werner flieht aus dem Waisenhaus, um seine verschleppten Eltern zu suchen. Eine Babuschka nimmt ihn auf, bis er mit Timofej, einem alten Taiga - Jäger, Freundschaft schließen kann. Mit ihm streift er durch die teilweise noch unberührte Natur der Taiga. Die dunklen Wälder und glasklaren, fröhlich plätschernden Bäche vermitteln ihm das Gefühl der Freiheit und Geborgenheit. Dabei erlebt er ein Abenteuer nach dem anderen: Jagdhütte, Zirpen und Rascheln in Blättern und Gesträuch in sternklarer Nacht.  Dazu die augenzwinkernden oder auch die gruseligen Erzählungen des alten gutmütigen Timofej bei knisterndem Lagerfeuer. Welch ein Kind, welch ein Mädchen oder Junge gerät da nicht in schwärmerische Begeisterung!

Frau Däs hat neben ihrer schriftstellerischen Arbeit eine rege Vortragstätigkeit über die russlanddeutsche Volksgruppe entfaltet, immer mit dem Ziel aufzuklären.

Mehr noch liegt ihr die Jugend am Herzen, die sie in Lesungen aus ihren Werken schnell zu begeistern vermag.

Wenn Nelly Däs in einer gefüllten Aula vor Hauptschüler, Realschüler oder Gymnasiasten steht, mit ihrem unverfälschten schwäbischen Tonfall und erquickendem Humor zur Einführung "Geschichten hinter den Geschichten" erzählt, hat sie die Herzen der Mädchen und Jungen im Sturm erobert. Die Spannung ist erreicht, das Interesse geweckt, und die Schüler überschütten sie im Anschluss mit vielen neugierigen Fragen. Und ganz, gleichsam nebenbei, fordert sie die Schüler auf, sich um die Klassenkameraden aus Spätaussiedlerfamilien zu kümmern und sich von ihnen erzählen zu lassen, woher sie kommen und wer sie sind.

In allen ihren Büchern, in allen Vorträgen und Lesungen bleibt sie ihrem anfangs gesetztem Ziel treu: Verständnis zu wecken für die Russlanddeutschen und die Aussiedler in Deutschland, um dem weitverbleiten Defizit an Kenntnissen über ihre Geschichte und Kultur entgegenzuwirken.

Das begann mit der bilderreichen Schilderung ihrer Jugend und Flucht, setzte sich fort in Romanen für Jung und Alt und fand ihren vorläufigen Höhepunkt in spannungsreichen Abenteuerromanen und Jugendbüchern. Aber sie ist nicht nur eine "Chronistin der Rußlanddeutschen", wie sie einer ihrer Biographen (Oberstudiendirektor Eckhard Scheld) einmal genannt hat. Sie ist das auch, aber sie ist mehr.

Sie will nicht nur berichten, sie will vor allem lebendig darstellen, schildern, erzählen, mit Humor und schriftstellerischem Elan Interesse wecken am Buch. Und das gelingt ihr vorzüglich. Da ihre Sujets stets russlanddeutschem Milieu entstammen, ergibt sich wie selbstverständlich eine Auseinandersetzung mit dem Schicksal der eigenen Landsleute.

Dabei vergisst sie nicht, Verständnis zu wecken für die Nachbarn der Russlanddeutschen in den Herkunftsgebieten und die fruchtbaren Begegnungen mit ihnen und Wechselwirkungen zwischen ihnen aufzuzeigen. Diesen Bemühungen durchzieht trotz leidvoller eigener Erfahrungen ein Geist der Toleranz, der gegenseitigen Achtung und Vergebung, Verachtung des anderen und Hass haben da keinen Platz.

Frau Däs hat zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen erhalten: Bundesverdienstkreuz am Bande, Goldene Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg, Goldene Ehrennadel der Landsmannschaft aus Rußland, Deutscher Jugendbuchpreis u.a.

Liebe Frau Däs, Sie haben sich um die Russlanddeutschen verdient gemacht. Sie haben sich damit ein Denkmal gesetzt, das ungeachtet aller Diskussionen über die Aussiedler dauerhaften Bestand haben wird.

Gerne gratuliere ich Ihnen von dieser Stelle aus nochmals sehr herzlich zur Verleihung des Rußlanddeutschen Kulturpreises unseres Patenlandes Baden-Württemberg.

Andekdote "Das Liederbuch meiner Mutter"

Die Mutter Emma Schmidt, geb. Eckstein, bekam 1912 zur Konfirmation ein Liederbuch. Sie bewahrte es über all die Jahre auf und es gibt darüber folgende Geschichte:

Im Umschlag stand "Ein feste Burg ist unser Gott für Emma Eckstein", außen war in goldenen Lettern daraufgeprägt: Gesangbuch für die evangelische Kirche in Württemberg Schmuckausgabe

Zum ersten Mal ist mir das Buch ins Bewusstsein gekommen, als mein Vater 1937 verhaftet wurde. Am 7. September klopfte es in der Nacht an unserem Fenster. Vater öffnete, draußen standen drei Milizionäre. "Sind Sie Johann Schmidt Iwanowitsch?" fragte einer der Männer. Mein Vater verneinte, denn der Gesuchte war der Lehrer in Fjodrowka. Ihn hatte man jedoch schon vor Tagen abgeholt. Vater wurde - obwohl er nicht der Gesuchte war - verhaftet und zu 30 Jahre Zwangsarbeit verurteilt. Sein Vergehen? Er war ein Deutscher! Wir hatten keine Bibel und Mutter benutzte ihr Gesangbuch zum Beten. In dieser schicksalhaften Nacht wurde das Gesangbuch für Mutter das Wichtigste in ihrem weiteren Leben - außer ihren drei Kindern. Ich hörte Mutter öfters, wenn sie nachts im Dunklen aufstand und ihr Gesangbuch aufschlug. Am Morgen las sie dann, was sie aufgeschlagen hatte und interpretierte den Text auf ihrer Weise. Sie fand in diesem Buch Trost und Hoffnung. 

Als der Krieg 1941 zwischen Deutschland und Russland ausbrach, suchte sie wieder in den aufgeschlagenen Liedertexten nach einem Ausweg für unsere fast hoffnungslose Lage. Ihr war bewusst, dass die sowjetischen Machthaber uns ins Verderben schicken würden. Uns allen stand der  Weg in die Verbannung bevor, den unser Vater schon vorher gezwungen wurde zu gehen! Nur durch einen Zufall blieb unserer Mutter und uns der Weg in die Verbannung erspart. Unser Dorf Andrenburg am Dnjepr wurde von den deutschen Truppen eingenommen und wir waren gerettet. 

Als wir in September 1943 auf die Flucht in Richtung Westen gingen, hatte Mutter ihr Gesangbuch, zusammen mit den wichtigsten Dokumenten und etwas Geld in einem Brustbeutel um den Hals hängen. Bei jeder Gelegenheit holte sie das Buch hervor und fand darin Trost. Mutter schöpfte ihre Kraft aus diesem für sie so wertvollem Buch. Wir hatten das Glück letztendlich in unsere Urheimat Württemberg heimzukehren. Zuvor musste unsere Mutter ihr Buch noch oft in Anspruch nehmen. Wir waren fünf Familienmitglieder und in fünf Ländern verstreut. Vater in der Sowjetunion, ich in Polen, Mutter in Deutschland, Harry als Soldat in Frankreich, Johann in Österreich. Wir kamen fast alle wieder zusammen, Vater blieb für immer verschollen. 

Mein Bruder Harry ging 1953 zur Fremdenlegion der Franzosen. Mutter hörte mehrere Monate nichts von ihrem Sohn. Da musste ihr Liederbuch wieder helfen, obwohl sie inzwischen eine Bibel besaß. Ihr Vertrauen in das Gesangbuch war unendlich, und keines der anderen geistlichen Büchern konnte seine Stelle einnehmen. Mutter betete Tag und Nacht, ich wurde schon richtig böse mit ihr. Eines Morgens hörte ich im Radio, dass neun Fremdelegionäre vor Singapur von einem Schiff ins Meer gesprungen waren. Darunter auch ein Deutscher aus Stuttgart, Harry Schmidt. Mutters Beten und ihr Gesangbuch brachte ihr ihren Sohn wieder. Ihr Glauben an das Buch war unerschütterlich! 

Als Mutter 1956 in Waiblingen starb, wollte ich ihr das Gesangbuch unter die gefalteten Hände legen. Dann besann ich mich. Mit dem Gesangbuch war Mutter so eng verbunden, und wenn ich das Buch für mich behielte, würde Mutter mir immer nahe sein. Ich hüte das Gesangbuch heute noch. Jedes Mal, wenn ich es in den Händen halte, sehe ich im Geiste verschiedene Begebenheiten mit Mutter und ihrem Gesangbuch. Erinnerungen tauchen  auf. Erinnerungen die weh tun, Erinnerungen, die ich einst mit ins Grab nehmen werde.