Durch zahlreiche Spenden wurde es der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland möglich, eine 2. Auflage von "Emilie - Herrin auf Christiansfeld" herauszubringen. Ab sofort können Bestellungen bei der Landsmannschaft aufgegeben werden. Das Buch kostet 9,90 €. Lesen Sie hier eine Würdigung von Julia Warkentin.

 

„Emilie – Herrin auf Christiansfeld“ ist ein breit angelegter Familienroman, der mit der Einwanderung der Vorfahren von Nelly Däs nach Russland im Jahr 1811 beginnt und mit der Auswanderung deren Nachkommen nach Deutschland in jüngster Zeit endet.

Die Autorin erzählt hier von ihren Urahnen Johann und Ursula Eckstein, die 1811 mit ihrem kleinen Sohn Conrad aus Friedrichsfeld/Baden nach Südrussland eingewandert waren und die deutsche Kolonie Friedrichsfeld gegründet haben. Auch das Schicksal ihrer Urgroßeltern Johann und Wilhelmine Eckstein und das Leben ihrer drei Kinder stehen im Blick: Johann, der Großvater von Nelly Däs, der nach Deutschland ausgewandert war, Christian, den das Schicksal nach Brasilien verschlagen hatte, und Emilie, die in der Sowjetunion sterben musste, ebenso wie das Leben ihrer eigenen Mutter Emma Schmidt (geb. Eckstein). Doch im Mittelpunkt steht das Leben ihrer Großtante Emilie Neugebauer, geb. Eckstein.

Für dieses Buch hat Nelly Däs bereits 1974 die ersten Recherchen mit der Tochter von Emilie, Ottilie Ebert (geb. Neugebauer), gemacht, die 18 Jahre lang im Haus der Familie Däs gelebt hat. Mit dem Buch wollte die Autorin jungen Aussiedlern ihre Herkunft und ihre Wurzeln in der alten Heimat, die Gebiete vor der Verbannung 1941, nahe bringen. Darüber weiß die junge Generation so gut wie gar nichts. Die Vertreter der älteren Generation von Russlanddeutschen, die über Jahrzehnte die einzigen Bewahrer jener Geschichte, Kultur, Sprache und Brauchtums waren, sterben langsam aus. Die mittlere Generation ist sowohl in der ehemaligen Sowjetunion wie auch in Deutschland mit dem Überleben, der Integration und der Anpassung beschäftigt. Mit diesem Roman will Nelly Däs gegen das Vergessen arbeiten und den jungen Aussiedlern ihre eigenen russlanddeutschen Wurzeln nahe bringen.

Fernerhin wollte sie mit diesem Buch von der Lebensweise der Deutschen in Russland vor dem Ersten Weltkrieg berichten und bei der deutschen Bevölkerung gegen die Vorurteile ankämpfen, dass die Aussiedler nach Deutschland kommen, um auch etwas vom „Kuchen“ abzubeißen und den Einheimischen ihre Arbeitsplätze und ihre Renten wegzunehmen.

Der Roman beginnt damit, dass die siebzehnjährige Emilie Eckstein traditionsgemäß den Witwer ihrer im Kindbett verstorbenen Cousine Matilde heiratet, den sie sogar schon lange heimlich liebt. Damit ist sie Herrin auf dem Gut Christiansfeld und Stiefmutter des vierjährigen Friedrich und der zweijährigen Matilde. Man schreibt das Jahr 1900. Gottlieb und Emilie Neugebauer führen eine glückliche Ehe. Gemeinsam stehen sie den Tod der kleinen Matilde und den Tod von Gottliebs Eltern durch. Emilie schenkt acht Kindern das Leben: Heinrich, Matilde, die aber im Säuglingsalter stirbt, Ottilie, Emilie, kurz Mila genannt, Christian, Martha, Albert und Otto.

Der Erste Weltkrieg bringt schwere Einschnitte in das Leben der deutschen Kolonisten. Als reicher Bauer muss Gottlieb die Front mit Pferden und Lebensmitteln beliefern und auch viel Schmiergeld aufbringen, damit sein ältester Sohn Friedrich nicht an die Front muss. Gottliebs Bruder Emil fällt im Krieg und hinterlässt eine Frau und drei Kinder. Viele Deutsche verlassen Russland und wandern nach Deutschland oder Amerika aus. Auch Emilies Bruder Christian geht mit seiner Familie nach Deutschland.

Als der Bürgerkrieg ausbricht, werden die Kolonistendörfer von Nestor Machno und seinen Anhängern, die meist von den Bolschewisten freigelassene Häftlinge waren, überfallen und ausgeplündert. So werden auch Emilies Eltern, ihr Ehemann Gottlieb und ihre beiden älteren Söhne Friedrich und Heinrich von dieser Verbrecherbande ermordet. Emilie wird mit ihren sechs Kindern vom Hof gejagt und befindet sich fast zwanzig Jahre lang ständig auf der Flucht durch ganz Russland.

Dann bricht der Zweite Weltkrieg aus. Emilies Tochter Ottilie wird mit ihren Kindern nach Sibirien verbannt und kommt 1966 nach Deutschland. Ihre Tochter Mila wird in den Ural verbannt, wo sie auch stirbt. Die Tochter Martha verhungert in der Arbeitsarmee. Der Sohn Christian gilt nach seiner Verhaftung als verschollen und der Sohn Albert stirbt ebenfalls in der Sowjetunion. Nur ihrem jüngsten Sohn Otto gelingt es mit seiner Frau Martha, seinen sechs Kindern und siebzehn Enkelkindern nach Deutschland auszuwandern, wo sie auch heute noch leben. Emilie Neugebauer starb 1977 im Ural.

Trotz zahlreicher Gräueltaten und Schicksalsbrüche hat Hass auch in diesem Buch keinen Platz. Was aus diesen Zeilen spricht, ist vielmehr der Schmerz um die verlorene heile Welt und die Wut auf die Ungerechtigkeit, die den Deutschen in Russland widerfahren ist. Nelly Däs lässt in diesem Roman eine längst vergessene Welt wiederauferstehen, eine Welt, die die jüngere Aussiedlergeneration nur noch aus Büchern kennt.

Julia Warkentin, Rahden